Maltext Ausserschulisches Lernen: kleine Praxis-Theorie

Verfasst von: Rolf Niederhauser

Schule — abgeleitet vom griechischen Wort scolé — ist ursprünglich ein Ort der Musse, der Entspannung, im besten Fall auch des Staunens. Das blanke Staunen über die «ewigen Dinge der Natur» war für die griechischen Philosophen nach Sokrates die edelste aller Tätigkeiten — das heisst: aller Praktiken. Denn anders als heute wurden Theorie und Praxis noch nicht als Gegensatz empfunden.



«Theoretiker» nannte man ja schon in der Frühzeit der griechischen Kultur (bis etwa 500 v.Chr.) jene Männer, die alljährlich aus den Städten und Höfen Griechenlands zum Orakel von Delphi abgesandt wurden, um den Ratschluss der Götter zu vernehmen und unters Volk zu bringen. Theoretiker (von theorós) sind dem Wortsinn nach die Schauer des Göttlichen. Und die heiligen Rituale, die man «praktizieren» musste, damit das Orakel sprach, galten als höchste aller religiösen Handlungen. Mit ihrer Hilfe kam das Göttliche und Ewige an den Tag. Religiöse Rituale sind also «Theorie-Praktiken».



Im demokratischen Athen wurde dann der «Ratschluss der Götter» durch den gemeinsamen Rat der freien Bürger ersetzt. Folgerichtig fanden Sokrates und seine Schüler, dass freie Bürger sich nicht allein auf Religion und Tradition abstützen konnten. Wenn jedes Mitglied der Polis persönlich für die «politische Praxis» mitverantwortlich ist, braucht es auch eine individuelle, und trotzdem stabile, Grundlage, um entscheiden zu können, was «richtiges» Handeln im Dienst eines «guten Lebens» ist. Sokrates versuchte deshalb, die alten religiösen Rituale durch die Praxis des einfachen Staunens zu ersetzen. «Ich weiss, dass ich nichts weiss», sagte er und zerstörte damit das alte Fundament des Wissens, das Tradition und Religion überliefert war, um in der entstandenen Leere des Nichtwissens eine neue Basis zu errichten. Den Nichtwissenden erlaubt das Staunen, eigene Fragen zu stellen, um im freien Gespräch mit andern dann gemeinsame Antworten zu finden. Denn die «Wunder der Natur», die «Gesetze des Göttlichen» können wir alle erkennen, wenn wir nur lernen uns zu konzentrieren. Auf diesem Grundsatz baut bis heute jede Schule auf! Und der freie Dialog, wie Sokrates ihn erfunden und vorgeschlagen hat, war Praxis und Theorie zugleich. Als ein Gespräch freier Menschen über das Göttliche, das uns staunen macht, war es nicht religiöse, sondern freie «Theorie-Praxis».



Erst im christlichen Mittelalter wurde das Gespräch mit «Gott» dann mehr und mehr als pures Gegenteil von «Praxis» empfunden. Die gefalteten Hände beim Beten symbolisieren das strikte Gebot zur Untätigkeit! Wer sich Gott zuwendet, darf sich nicht der Welt zuwenden und tätig sein! Beten und Arbeiten (ora et labora) sind die zwei entgegengesetzten Pole des christlichen Alltags, die einander ausschliessen. Im christlichen Mittelalter setzte «Praxis» ja auch nicht das freie, demokratische Gespräch voraus: wer gut und richtig handeln wollte, brauchte nur Gottes Wort umzusetzen, und was «Gottes Wort» war, bestimmte die Autorität der katholischen Kirche. Die Schule der christlichen Gelehrten — die Scholastik — bestimmte die «Theorie», und «Praxis» ist dann bloss noch Ausführen von etwas, was andere bestimmt haben. Und dieses autoritäre Verhältnis von Theorie und Praxis herrscht zum Teil bis heute in den Köpfen vieler Wissenschaftler.



Auch das «Gebot der Untätigkeit» im Zusammenhang mit dem «Dienst an der Wahrheit» hat sich in gewissem Sinn bis heute erhalten. In den Naturwissenschaften gilt nur als «wahr», was möglichst ohne menschliches Zutun beobachtet werden kann. Jedes «subjektive» Handeln steht im Verdacht, die Wahrheit zu verfälschen. Wie rational und sachlich das Gebot aber heutzutage formuliert wird: seine Wurzeln hat es in der christlichen, aber auch in andern Religionen wie etwa der jüdischen. «Gottesdienst» setzt «Nichtstun» voraus. Wer etwas für Gott und die Wahrheit tun will, muss «nichts» tun!



Auf der anderen Seite widerspricht ein solches «Lob der Untätigkeit» allerdings extrem dem Drang unserer modernen Gesellschaft nach Aktivität, nach tätigem Verändern der Welt, nach ständigem Verbessern der Lebensbedingungen. Selbst im wissenschaftlichen Labor, wo die modernen Wahrheiten «gefunden» werden, herrscht die Praxis des Experiments. Die Praktiken des Experiments bringen die modernen Theorien an den Tag. Mit ihrer Hilfe wird die Natur nicht einfach bestaunt, sondern «getestet». Diese Praktiken sind von der Alltagspraxis der Leute nicht weniger weit entfernt als einst die religiösen Praktiken, die den «Ratschluss der Götter» ergründeten. Am allerweitesten weg aber sind sie von der «politischen Praxis» der modernen Demokratie. «Über Naturgesetze kann man nicht abstimmen», behaupten die Wissenschaftler. Dabei tun sie in ihrem eigenen Alltag nichts anderes als laufend darüber zu debatieren, was als «richtig» und «wahr» gelten darf und soll, und die verschiedenen Erkenntnisse aufeinander «abzustimmen». Natürlich ist dazu Konzentration erforderlich, klare Argumentation und hie und da sogar ein ehrliches Staunen. Trotzdem bilden «Theorie» und «Praxis» auch hier in Wirklichkeit keinen Gegensatz, sondern das eine bediingt das andere. Aus experimentellen Praktiken gehen neue Theorien hervor und vorläufige Theorien führen zu einer neuen Praxis. Experimentelle Theorie-Praxis ist der laufende Lernprozess (lifelong learning) der modernen Gesellschaft. Und nur in der Schule, insbesondere am Gymnasium, soll Lernen oft noch «praktiziert» werden wie im Mittelalter: unter strengem Ausschluss aller Probleme des Alltags ringsum, die beim «Dienst an der Wahrheit» nur stören können.



Schule als Ort höchster Konzentration, als eine Oase im Stress zwischen Industrie und Konsum, Schule als Schutzraum für das Heranreifen freier Individuen, oder Schule als geordneter Lebensabschnitt, der allen Heranwachsenden möglichst gleiche Chancen gibt, sich im Alltag von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik später zurechtzufinden und hervorzutun: dagegen lässt sich sicher wenig sagen. Es war und bleibt ein grosses Postulat der Aufklärung seit Jean-Jaques Rousseau und Heinrich Pestalozzi, dass Kinder und Jugendliche vom Arbeitsalltag ihrer Eltern in Haus und Hof oder in der Fabrik verschont bleiben sollen, um «frei» von allen wirtschaftlichen Zwängen die Möglichkeit zu erhalten, ihre sozialen und individuellen Fähigkeiten zu entwickeln. Und daran gibt es in gewisser Hinsicht bis heute nichts zu rütteln.



Wenn Jugendliche an der Schule aber wirklich lernen sollen, mit der Praxis des späteren Lebens zurechtzukommen, darf der Schulalltag von dieser Praxis nicht allzu weit entfernt sein. Denn nur durch Praxis wird begreiflich, was die «Theorie» wirklich sagt. Der Sinn der Rechtschreibung ist kaum einzusehen ohne ihren praktischen Zweck einer möglichst klaren Verständigung. Der Sinn der Biologie ist ohne Landwirtschaft oder Medizin nur schwer zu begreifen. Erst recht aber, wenn ökologische Zusammenhänge und «nachhaltige Entwicklung» im Mittelpunkt stehen, ist Theorie ohne Praxis schlicht undenkbar. Denn die elementarste «Schulweisheit» der Ökologie besteht in der Einsicht, wie komplex in der Praxis alle Systeme vernetzt sind. Und wo praktisch alles mit allem wechselwirkt, nützt die schönste «Theorie» nichts mehr, wenn sie die Praxis nicht von vornherein mit einbezieht. Umgekehrt gibt es keine ökologisch richtige Handelung ohne Theorie über die komplexen Auswirkungen dieser Handlung in der Praxis.



Eine Schule, die vermitteln soll, wie man ökologisch richtig, das heisst «nachhaltig» handelt, muss deshalb selbst Theorie und Praxis im Alltag eng miteinander verknüpfen können. Nur wenn Schule (also Ruhe, Konzentration und Theorie) eng mit dem ausserschulischen Alltag (Komplexität und dauernde Veränderung) vernetzt ist, kann Theorie wieder zur höchsten Form der Praxis in einem demokratischen Alltag werden. Denn wie das Schwimmen nur im Wasser, ist das freie Denken nur in der Praxis wirklich zu lernen.









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